Dienstag, 15. September 2009

"Mythen und Fakten". Zum Anti-Drogen-Kampf in Venezuela

Seit es 2005 seine Zusammenarbeit mit der US-amerikanischen Drogenbekämpfungsbehöde (DEA) beendete, vernahm man immer wieder Stimmen aus Washington, Venezuela unterstütze den Rauschgifthandel in die USA. Als "Mythen", die das Ziel haben das Land und den Präsidenten Hugo Chavez zu diffarmieren, weist der französische Journalist und Kommunikationsberater in Caracas Romain Migus diese und andere Anschuldigung zurück. In einem Artikel des Nachrichtenportals "Reseau Voltaire" nimmt er gegen die Vorwürfe Stellung.

Einen Augenblick, Südamerika, da war doch...
Eins kann man Migus dabei nicht absprechen: Das erste Land, das bei den Begriffen Drogen bzw. konkreter Kokain und Südamerika in den Kopf kommt ist nicht Chavez' Venezuela, sondern Washingtons engster Verbündeter in der Region Uribes Kolumbien. Das liegt nicht nur an dem legendenumwobenen Kolumbianer der durch seinen Drogenhandel, hauptsächlich in die USA, einst vom Forbes-Magazin zu den zehn reichsten Menschen der Welt gezählt wurde. Kolumbien ist auch heute noch der weltweit größte Kokainproduzent (61%). Ähnlich ist es bei Heroin. Mit 90 % des weltweit produzierten "H" ist nicht etwa ein Kontrahentenstaat wie Venezuela Spitzenreiter, sondern das von den USA und seinen überwiegend europäischen Verbündeten kontrollierte Afghanistan. Die Vernichtung des Schlafmohns seitens der US-Armee wurde laut Sondergesandten für Afghanistan Richard Holbrooke im Juni diesen Jahres sogar eingestellt. Dies dürfte die Produktion noch weiter steigen lassen.

Mangelnde Kooperation?
Zurück zu Migus nach Südamerika: Immer wieder vorgehalten wird Venezuela, dass es im internationalen Kampf gegen Drogenhandel nicht kooperiere. Konkret gemeint ist von den USA dabei die Einstellung der Zusammenarbeit mit der DEA vor drei Jahren. Venezuelas Begründung damals wie heute: Statt es bei der Drogenbekämpfung zu unterstützen, schleusten die Amerikaner über diese Behörde Spionageagenten in das Land am Orinoco. Tatsächlich weisen viele Spuren auf eine massive verdeckte Einmischung des großen Bruders aus dem Norden hin, die im gescheiterten Staatsstreich gegen den Präsidenten Hugo Chavez im Jahr 2002 gipfelte. Die Abschiebung der in Caracas ansässigen DEA-Agenten isoliert Venezuela international nicht im Anti-Drogenkampf, so Romain Migus. Im Gegenteil, es bestehen weiterhin 50 Verträge zur Drogenbekämpfung mit 37 Ländern. Hinzu komme die Zusammenarbeit mit dem Suchtstoffkontrollrat der UNO und Interpol. Dies mache den Vorwurf, die Bolivarische Republik würde nicht bei der Drogenbekämpfung mitspielen zu einer Unwahrheit.

Ein sicherer Hafen für Großhändler und Schmuggler...
Ein Kritikpunkt in Richtung Caracas ist, dass internationale Dorgenhändler in dem Land eine sichere Stätte und Schutz bekämen. Migus sieht das Gegenteil: Als Händler von Rauschgift habe man in Venezuela schlechte Karten. Nach dem Ende der Zusammenarbeit mit der DEA wurden 2008 mehr als sechsmal soviele Schmuggler und Händler (9133) hinter Gittern geführt wie noch zu Zeiten der Kooperation mit der US-amerikanischen Behörde (1179). Unter diesen seien eine Reihe international von den USA, Kolumbien und Interpol gesuchten internationalen Schieber. Der größte Fisch, der den venezolanischen Behörden in die Netze ging war Hermagoras Gonzales Polanco, "der Große" genannt und zuvor steckbrieflich von Washington gesucht. Weitere Namen sind der Kopf des kolumbianischen Nordatlantikkartells Libardo de Jesus Parra Gonzales oder der Italiener Giovanni Civile, dessen Auslieferung von Frankreich beantragt wurde. Trotz dieser Zeichen die gesetzt wurden, wird tatsächlich Venezuela im Weltdrogenbericht 2009 der UNO Venezuela als einer der Länder genannt, über die das meiste Kokain nach Europa gehandelt wird. Allerdings stammt dieses Kokain in den meisten Fällen aus Kolumbien und nimmt nur seinen Weg über Venezuela.

Ein explodierender Rauschgiftkonsum
Ein weiterer Tadel auf den Romain Migus eingeht ist, dass der Drogenkonsum im südamerikanischen Land "explodiert" sei, seit die US-amerikanische Drogenbehörde des Landes verwiesen wurde. Migus weist die USA darauf hin, nicht mit Steinen zu werfen, wo sie doch selbst im Glashaus sitzen würden. Der Pro-Kopf-Konsum von Drogen sei in den USA weitaus höher als in Venezuela. "New York hat einen Konsum per Capita [...], der egal welche venezolanische Großstadt um Weiten schlägt." sagt der Kommunikationsberater tadelnd. Dennoch hat es Venezuela, trotz einer Reihe von Migus aufgezählten staatlichen Kampagnen, verstärkten Vorbeuge- statt Strafmaßnahmen und der Einstellung von über 11.000 Kräften zur Drogenbekämpfung, bedauernswerterweise nicht geschafft sich einem allgemeinen südamerikanischen Trend von erhöhtem Kokainkonsum zu entziehen, so der Weltdrogenbericht 2007.

Bilder: http://commons.wikimedia.org


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Montag, 16. Februar 2009

Drei Monate Auszeit

Wegen eines Praktikums in Brüssel werde ich wohl drei Monate lang keine Artikel mehr schreiben können. Danke an alle die hier trotzdem hin und wieder reinschauen.

M.A.

Sonntag, 8. Februar 2009

Ägypten unter Mubarak: Ein seniler Elefant auf Crashkurs?

Als grösstes arabisches Land ist Ägyptens Geschichte, Kultur, Politik, kurz sein Schicksal massgeblich für die arabische Welt. Seit nunmehr dreissig Jahren leidet das Land am Nil unter der Diktatur des "Pharaos" Husni Mubarak. Ein Blick in die Vergangenheit und die politische Entwicklung des Landes wirft die Frage auf, wie das einstige Weltreich zu einer solch dekadenten Führung kommen konnte.

Grosse Hoffnungen hatte nicht nur die arabische, sondern die ganze dritte, blockfreie Welt als Ägypten 1952 den Suezkanal verstaatlichte. Es sollte ein Zeichen sein, dass auch Dritte-Welt-Länder und kolonialisierte Völker über ihre nationalen Ressourcen und ihre Infrastruktur selbst bestimmen können sollen. Hatte Ägypten doch mit der Verstaatlichung Frankreich und Grossbrittanien, den zwei grossen Kolonialmächten der Zeit die Stirn geboten und damit seine Unabhängigkeit unterstrichen.

Heute ist Ägypten, die einstige "Mutter" und "Kornkammer der Welt" wie es in der Antike genannt wurde, abhängig von US-amerikanischen Weizenimporten und benötigt drei Milliarden Dollar "Wirtschaftshilfe". Kritiker wie René Naba sehen die Rolle der ehemaligen arabischen Führungsmacht zu einem Unterhändler amerikanischer Interessen degradiert. Dies ist sicher nicht das einzige was von Ägypten übriggeblieben ist. Jedoch hat sich der Präsident Husni Mubarak beim jüngsten Angriff Israels auf den Gaza-Streifen auch nicht besonders Mühe gegeben das Gegenteil zu beweisen. Vielmehr haben mit der Türkei und Iran zwei nicht-arabische Schwergewichte in der Region ihre Popularität in den Bevölkerungen der arabischen Welt ausbauen können, da sie eine eindeutige Haltung gegen die israelischen Aggressionen bezogen.

Warum Ägypten sich heute unter Wert verkauft, lässt sich am ehesten durch einen Blick auf die Geschichte des letzten Jahrhunderts erklären. Die Lösung von der Kolonialmacht Grossbrittanien wurde zwar auch mit dem Wunsch nach Freiheit getragen. Aber in erster Linie war der aus dem Westen importierte Nationalismus in Form vom Pan-Arabismus der Motor der arabischen Ländern beim Kampf um Unabhängigkeit. Als Ägypten das Ende der direkten Kolonialisierung der dritten Welt in der Suez-Krise einläutete, trieb die arabische Welt unter seiner Führung in blinden Nationalismus und Grössenwahn. Die "Mutter der Welt" sah mit dem Kommen des Pan-Arabismus auch seine Stunde gekommen.

Keins der Ziele des Panarabismus wurde erfüllt. Die Vereinigung arabischer Staaten wie Syrien und Ägypten in die Vereinigte Arabische Republik oder Iraks und Jordaniens in die Arabische Föderation blieb nicht von dauer. Ebenso brachte der Nationalismus, obwohl er sich zeitweilig auch mit dem Namen "Arabischer Sozialismus" schmeichelte, weder gerechte Verteilung noch wirtschaftlichen Wohlstand. Den fatalsten Rückschlag erhielt die gross-nationalistische Ideologie jedoch durch seine Unfähigkeit dem neuen zionistischen Staat Israel militärisch paroli zu bieten. Zwei Kriege, 1948 und 1967, brachten eindeutige und vernichtende Niederlagen. Der Dritte 1973, der "Oktoberkrieg" wie er in der arbischen Welt genannt wird, kann bestenfalls als ein militärisches Unentschieden gelten.

Spätestens als Ägypten 1979 einen bilateralen Frieden mit Israel schloss, machte das Land am Nil deutlich, dass nationalstaatliche Interessen - nicht arabische - nunmehr die Prioritäten hatten. Hiermit gab Ägypten freiwillig seine Führungsrolle in der arabischen Welt auf, wurde sogar zeitweilig aus der Arabischen Liga ausgeschlossen. Dadurch glitt Ägypten immer tiefer in die US-amerikanische Abhängigkeit, da auch die Öl-Devisen aus den Golfstaaten ausfielen. Nach Israel ist das Land heute der grösste Empfänger von amerikanischer Wirtschaftshilfe. Damit wird auch ein ungeheurer Polizeiapparat finanziert. Für die Aufrechterhaltung des korrupten, wirtschaftlich dekadenten und unterdrückerischen Regimes, beschäftige das Innenministerium 1,3 Millionen Menschen bei der Polizei. Dieser Aufwand ist angesichts der Unbeliebtheit des Diktators Mubarak auch von nöten.

Ägyptens, von dessen Führungsrolle in der arabischen Welt zur Zeit höchstens noch die Kulturhoheit seiner Filmindustrie übriggeblieben ist, wird sich tatsächlich in das verwandeln, was man seinem Präsidenten schon lange vorwirft zu sein. Denn Husni Mubarak ist in der Tat ein politisch eingewachster Pharao mit einem Ägypten, das nur noch als Mumie einer Grossmacht angesehen werden kann. Auf seiner Wanderung zwischen fehlgeleitetem Nationalismus, falschem Islam, dekadenten Sozialismus und fehlinterpretierten Pazifismus in den letzten 60 Jahren blüht dem senilen Elefanten Ägypten auch künftig unter der Herrschaft seines Pharaos keine rosige Zukunft.

Bilder:
http://commons.wikimedia.org/


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