Sonntag, 25. Januar 2009

Bolivien: Ein "Nein" für Gott?

Unter der moralischen Führung Venezuelas macht sich seit Ende der Neunziger Jahre ein neuer Trend zu linken Regierungen in Südamerika breit. Von den Verfechtern des "Neuen Sozialismus" wird die Bewegung als volksnah und populär ettiketiert, von den Gegnern, die sich vor allem in Neokonservativen Kreisen finden, ist sie regelmässig angegriffen. Präsident Evo Molares und sein Movimiento al Socialismo (MAS) in Bolivien als wichtige Vertreter der Strömung sehen sich nun, während des Referendums zu einer neuen Verfassung, einem neuen Vorwurf ausgesetzt.

Heute wird in dem Andenstaat Bolivien abgestimmt. Die neue Verfassung soll der indigenen Bevölkerung gleichwertige Rechte geben, die Sprachen der Eingeborenen soll der gleichen Rang wie dem Spanischen eingeräumt werden und eine Obergrenze für Landbesitz einführen. Die Öl- und Gasvorkommen des Landes sind schon zuvor von Morales Partei verstaatlicht worden. Alles Massnahmen, die dem traditionell machtvollen konservativen Lager gegen den Strich gehen. Ebenso ist Morales, ähnlich wie Hugo Chavez in Venezuela, den USA ein Dorn im Auge. So verbot er der US-Amerikanischen Anti-Dorgen-Behörde, der vorgeworfen wird unter dem Deckmantel der Bekämpfung von Rauschgifthandel Spionage zu betreiben, die weitere Tätigkeit in seinem Land.

So ist es kein Zufall, dass sich Morales, der erste Präsident Südamerikas aus der indianischen Urbevölkerung, ebenso regelmässig Diffarmierungskampagnen ausgesetzt sieht. Diese nehmen jetzt beim laufenden Referendum ihren vorläufigen Höhepunkt. Ein Slogan mit dem man für ein "Nein" zur neuen Verfassung wirbt ist "Wählt Gott, Votet Nein!". Bolivien werde durch die Verfassung "Gottlos und Gesetzlos". Was sich tatsächlich ändern würde, ist die Rolle des Katholizismus als offizieller Staatsreligion. In der Verfassung ist Gott zwar erwähnt, aber auch Pachamama, eine allmächtige Gottheit, repräsentiert durch die "Mutter Erde", der indianischen Bevölkerung.

Aber nicht der ganze Klerus im Land ist gleichermassen gegen die politischen Umwälzungen. Ein grosser Teil der Kirche steht im Prinzip hinter den sozialen Veränderungen - ist es doch mit christlichen Prinzipien vereinbar Diskriminierung abzuschaffen und Wohlstand zu verteilen. Der im Land prominente Bischof Jesus Juares, der sich selbst als "nicht anti-Reformer" bezeichnet hatte dennoch eine Liste mit zehn Beschwerdepunkten bezüglich der Verfassung veröffentlicht. Wichtige Punkte darin sind unter anderem die Befürchtung, dass gleichgeschlechtliche Ehen und Abtreibung auf Basis der Verfassung erlaubt werden würden.

Mit Spannung kann jetzt das Ergebnis der Landesweiten Abstimmung abgewartet werden. Gerade in den östlichen Bundesstaaten ist die Entscheidung der Bevölkerung bedeutsam. Auf das Land verteilt mag die MAS eine Mehrheit haben, aber im Osten ist die konservative Strömung des Landes stark und die lokalen Präfekten haben bereits angekündigt bei einer lokalen Absage an die Verfassung diese trotz landesweiter Mehrheit nicht anzuerkennen. Dann wäre eine Eskalation so gut wie vorprogrammiert.

Kommentar:
Man mag von Morales und den neuen linken Strömungen Südamerikas halten was man will, niemand kann leugnen, dass Chavez, Correa, Lula und Co. überaus populär in ihren Ländern sind. Da stösst es bei neutraler Betrachtung fast auf Unverständnis, warum Morales hier Pandorras Büchse öffnet und im katholischen Südamerika scheinbar einen anti-christlichen Weg einschreitet. Jedoch muss man dabei die Hintergründe von Morales Bewegung verstehen, die sich vor allem auf die indigene Bevölkerung stützt, die im Andenland Bolivien die Mehrheit stellt. Am Christentum als gute und gerechtigkeitsfördernde Religion wird wohl kaum gezweifelt werden. Noch weniger an einen allmächtigen Gott als Schöpfer, ist die Idee doch gar nicht soweit entfernt von der allmächtigen schöpferischen Panchamama. Der Widerstand des Movimente al Socialismo richtet sich in erster Linie gegen das koloniale Aufzwängen von Idealen, Herrschaftsstrukturen und auch Religionen. Nur vor diesem Hintergrund ist die Rückbesinnung auf die zugegebenermassen etwas schamanistische Religion zu verstehen. Aber die Verfassungsgegner irren sich, wenn sie darin eine Leugnung Gottes auf Verfassungsebene sehen.

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