Mittwoch, 31. März 2010

Wann die Antisemitismuskeule versagt

Zum ersten mal wurde auf Politruc über sie während des letzten Kriegs gegen den Gazastreifen berichtet. Zu hören ist seitdem in der bürgerlichen Presse noch immer nicht mehr als damals von ihnen. Doch sie sind da und wollen sich weder wegleugnen noch wegdiffamieren lassen

Antizionistische Juden werden von ihren Gegnern gerne als "Selbsthasser" bezeichnet die Antisemiten als Kronzeugen gelten. Damit werden sie mit Nazis und Geschichtsrevisionisten in eine Ecke gestellt. Das Muster das sich dahinter verbirgt ist so ziemlich das gleiche wie bei der Diffamierung anderer Kritiker Israels: Es werden einfach alle über einen Kamm bzw. eine Antisemitismuskeule geschert. Dagegen haben antizionistische Juden, die aus vielen Bereichen des Judentums kommen, starke Argumente.

Es ist immer wieder ein eindrucksvoll, wenn orthodoxe Juden, wie die der Neturei Karta in traditionneler Tracht Seite an Seite mit Muslimen gegen Israelische Politik demonstrieren. Ihre Motivation dabei: Zionismus ist für sie geradezu die Antithese eines auf die Thora basierenden Judentums und eine Ideologie statt einer Religion, die aufgrund ihrer Trennung der Menschheit in verschiedene Rassen auch rassistischen Charakter hat. Wahre Vergfolger der jüdischen Religion sollten nach ihrer Ansicht erst einen Staat mitbegründen und Beiwohnen, den der erwartete Messias aufbaut.

Aber auch nichtreligiöse Bekanntheiten mit jüdischen Familienhintergrund bekennen ihre Gegnerschaft zu Israel in seiner aktuellen Form. Einer der bekanntesten Vertreter dürfte Norman Finkelstein, Sohn polnischer Juden und Holocaustüberlebender, sein. Bekannt wurde Finkelstein mit seinem Buch "Die Holocaust-Industrie", in dem er eine moralische und finanzielle Ausbeutung jüdischen Leidens anprangert. Anders als die Neturei Karta ist Finkelsteins Kritik am Zionismus keine Religiöse sondern eine Moralische. Angeprangert werden die Vertreibung der Palästinenser bei der Staatsgründung und die aktuelle Apartheitspolitik der rechtsextremen israelischen Regierung.

In Deutschland ist Finkelstein in manch einem Milieu, von dem man es nicht erwartet hätte, seit neuestem eine Persona non Grata. Die eigentlich linke Rosa-Luxemburg-Stiftung sagte eine Diskussion wegen angeblich zu hoher politischer Brisanz ab. Offenbar hat es Druck von ungenannten Seiten gegeben. Die Vereinigung "Jüdischen Stimme für gerechten Frieden in Nahost" sah dahinter die Machenschaften der "israelischen Lobby eines Schlag-zu-Nationalismus" (pdf). Solidarisch mit dem US-amerikaner zeigten sich auch andere jüdische Gegner israelischer Politik aus Deutschland.

Aufgrund von Unterpräsenz in den Konzernmedien nicht sehr bekannt, aber dennoch sehr aktiv ist da Abraham Melzer zu nennen, Herausgeber der Zeitschrift "Der Semit". Schwerpunkt der aktuellen Ausgabe der dem eigenen Selbstverständnis nach "Unabhängigen jüdischen Zeitschrift" ist der Einfluss pro-israelischer Pressure Groups, wie sie schon John Mearsheimer und Stephen Walt in ihrem Werk "The Israel Lobby and U.S. Forgein Policy" behandelten. Ein der Neturei Karta nahestehnder deutscher Journalismus läßt sich auf "Der Israelit" lesen. Gewidmet ist die Seite dem "ersten jüdischen Mordopfer zionistischen Terrors" Jaacov Jisroel DeHaan, der 1924 von Haganah-Terroristen erschossen wurde. In einem zum jüdischen Pessach-Fest erschienenem Artikel werden andere einst antizionistische Strömungen des orthodoxen Judentum kritisiert, die schließlich im Zionismus aufgegangen sind.

co-published: blogicide.wordpress.com


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Sonntag, 14. März 2010

Den pro-Westlern schwimmen im Libanon die Felle davon

Um es salopp auszudrücken, häufig reicht in Ländern der dritten Welt schon ein einziges Argument aus, um als Politiker oder Fraktion die Popularität und Unterstützung der Bevölkerung zu gewinnen: Man muss sich glaubhaft gegen westlichen Imperialismus profilieren. Interessantestes Beispiel für den Verlust westlichen Einflusses ist aktuell Libanon mit der immer weiter schrumpfenden pro-westlichen Allianz "14. März"

Obwohl diese Allianz bei den libanesischen Parlamentswahlen im Juni letzten Jahres weniger Stimmen als die Opposition gewann, hatte sie diese aufgrund unproportionaler Gewichtung der Wahlkreise gewonnen. Bemerkenswerterweise ging es für sie danach nur noch bergab. Mehr als vier Jahre erbitterter Machtkampf zwischen der Opposition um Hisbollah, Amal, dem Christenführer Michel Aoun und mehreren Sozialistischen Parteien auf der einen Seite und den 14.März-Kraften um Harriri, Djumblat, den Phalangisten und der Lebanese Force auf der Anderen gingen dem voraus. Der Drusenführer im multikoinfessionellen Zedernstaat Walid Djumblat, zeitweise auch als "Wetterfahne der libanesischen Politik" bezeichnet, war der erste der offiziel seinen Austritt aus dem Bündnis erklärte.

Klang es im September letzten Jahres noch wie eine Ausrede, so scheint Djumblats damalige Begründung zum Verlassen des Bündnisses klar und einleuchtend, auch für das darauf folgende Brökeln der ganzen Allianz: Seine Mitgliedschaft im 14.März-Block geschah aus Gründen der Notwendigkeit und müsse nun enden. Dazu ist zu sagen, dass das Bündnis im Frühjahr nach dem tödlichen Anschlag auf den ehemaligen libanesischen Ministerpräsidenten Rafik Harriri als anti-syrischer Block gebildet worden war und lange als pro-westlich bezeichnet wurde. Durch Massendemonstrationen gelang es dem Bündnis in der sogenannten Zedernrevolution der Anwesenheit syrischer Truppen in Libanon nach 29 Jahren ein Ende zu setzten. Die Notwendigkeit von der Djumblat sprach war dementsprechend schlicht und einfach die Feindschaft gegen den östlichen Nachbar Syrien.

In den letzten Monaten und vor allem am letzten Wochenende zeigte sich wieder in aller Deutlichkeit, dass Allianzen, die sich gegen etwas formieren häufig von kurzer Dauer sind. Die Drehscheibe des Bündnisses, Ministerpräsident Saad Hariri, Sohn des ermodeten Ministerpräsidenten Rafik, besuchte nämlich Damaskus im Dezember letzten Jahres und will es angeblich schon wieder tun. Vor zwei Jahren, als die Reihen des 14.März-Bündnisses noch fest geschlossen in Syrien den Mörder seines Vaters sahen, war dies noch eine Unmöglichkeit. Auch Djumblat hat am vergangenen Wochenende seine halbe Drehung vom Bündnis zu einer Kompletten gemacht. In einem Interview mit dem größten Fernsehsender der arabischen Welt entschuldigte er sich öffentlich für seine eklatanten und undiplomatischen Ausschweifungen Richtung Damaskus in der Vergangenheit.

Was nun von 14.März übrig geblieben ist zeigte sich am Sonntag beim Jubiläum zum fünfjährigen Bestehen der Allianz. Djumblat fehlt, weil bereits offiziell ausgetreten, Amin Gemayel, Chef der Phalangisten und ebenfalls ein Urgestein des Bündnisses blieb wegen "Bedenken" fern. Doch am schlimmsten traf das Fernbleiben Hariris die Feierlichkeit. Extra für ihn wurde die Pressekonferenz auf den Morgen geschoben, damit er noch vor seinen Abflug zu seinem Besuch nach Deutschland Zeit finde, auch teilzunehmen. Doch er kam nicht. Al-Manar, ein der mit dem 14.März-Bündnis rivalisierenden Hisbollah nahe stehendem Sender, schrieb schadenfroh mit Bezug auf die Zedernrevolution: "Der Geburtstag [...] war gezeichnet durch die Abwesenheit der Zedern von der Revolution."

Kommentar:
Eine politische Strömung, Allianz, ein Block oder auch was auch immer wird nie dauerhaft Bestand haben können, wenn es kein Ziel gibt FÜR das man kämpft und sich einsetzt, sondern nur etwas WOGEGEN man ist. So ist es auch mit dem 14-März-Bündnis im Libanon geschehen. Lange galten sie, vor allem hierzulande als pro-westlich. Es war wahrscheinlich ein schönes Gefühl für die Journalisten von Bild, Welt, Zeit und Co. mal von wirklich unabhängigen Freunden des westlichen Imperialismus in der arabischen Welt berichten zu können (im Gegensatz zu den ganzen von westlichen Geldern, Waffen und Truppen abhängigen lupenreinen Diktaturen wie Jordanien, Saudi Arabien oder Ägypten). Aber es war wohl zu schön um wahr zu sein. Tatsächlich war das einzig wirksame Integrationsmittel des 14.März-Blocks seine Gegnerschaft zu Damaskus. Wirkliche Ziele vor Augen halten da länger. Walid Djumblat wird seine politischen Wurzeln - zwar ist seine Partei faktisch eine Drusenpartei, war sie jedoch mal sozialistisch- nicht vergessen haben. Auch Hariri wird in Erinnerung haben, dass sein Vater ein Befürworter eines von Syrien UND dem Westen unabhängiges Libanons gewesen ist.


Veröffentlicht auf Neues aus dem Neuronenwald

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